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sprühen

Berufung: Graffitidozent

„Ich habe gefailed!“ ruft Konny und lässt die Spraydose sinken. Neben dem orangen Kreis, den er gerade auf sein Blatt Papier gesprüht hat, ist nun auch der schwarze Hintergrund gesprenkelt. „Kein Problem“, meint Siko. „Mit schwarzer Farbe kriegt man das wieder hin.“ Seit einem halben Jahr unterrichtet der Graffitidozent neun Schüler aus Bremen in der Stencilart, dem Schablonengraffiti.

(c) Anna MoldenhauerVor dem Kulturzentrum in Bremen-Pusdorf klappern die Spraydosen. Im Eingangsbereich des Hauses stehen vier der Teilnehmer um einen Tapeziertisch herum. Vor ihnen: Spraydosen in unterschiedlichen Farben, Caps, Kreppband und Aquarellpapier. Konny und seine acht Mitschüler besuchen alle die siebte Klasse der Oberschule Roter Sand. Einmal in der Woche kommen sie nach dem eigentlichen Schulunterricht in den Kurs von René Ortner, genannt „Siko“. Hier lernen sie ein Jahr lang vom Aufbau der Sprühdose bis zur Marmoriertechnik, alle Grundlagen rund um die Stencilart.

„Ich habe die Teilnehmerzahl begrenzt, um die Kids zu bekommen, die sich wirklich dafür interessieren“, meint Siko. Er will den Jugendlichen zeigen, dass Graffiti nicht illegal sein muss: „Man kann das gut legal machen und hat Spaß, macht sich keinen Ärger für die Zukunft“. Ganz nebenbei bekommen diese auch eine gute Portion künstlerisches Basiswissen vermittelt. Seine Schützlinge finden das cool. „Das ist besser als alles andere, was die Schule sonst angeboten hat“, sagt Florian, einer der Schüler.

Das Thema heute sind Landschaften. Konny will ein Planetensystem sprühen, sein Freund Julian eine grüne Wiese mit einem Panzer drauf. „Ich war da nicht so mit einverstanden. Aber immerhin konnte ich ihn dazu überreden, ein paar Wolken in sein Bild zu sprühen“, lacht Siko. Während Konny und die anderen Auquarellpapier mit Kreppband auf den Malertisch kleben, ihre Schablonen fixieren und mit dem sprühen beginnen, geht der Dozent von einem zum Nächsten. Er hat die unruhigen Schüler gut im Griff, beantwortet geduldig Fragen und gibt Hilfestellungen.

Vom Writer zum Dozent

(c) Anna Moldenhauer

v.l. die Schüler Julian, Konny, Elev, Gina und Florian mit ihrem Dozenten Siko (c) Anna Moldenhauer

Das René Ortner weiß wovon er redet, wird bei einem Blick in seine Biographie deutlich. Er ist Künstler, ausgebildeter Fassadenmaler und Kurator beim „Schlachthof“, einem Bremer Kulturhaus. Schon als „kleiner Butsche“ habe er viele Kunstkurse besucht. Das Bedürfnis sich künstlerisch weiterzubilden, brannte in ihm. Bei einem Urlaub in Spanien sah er das erste Mal andere Kinder mit Sprühdosen hantieren. Fasziniert von der neuen Möglichkeit sich auszudrücken, malte er am Strand von Barcelona sein erstes Piece auf eine Mauer. Buchstaben in schwarz und silber, die so aussehen sollten, wie die auf den spanischen  Kaugummipackungen.

An seiner kurzen Writer-Karriere war auch Kim Wilde nicht ganz unschuldig. Anfang der 80iger Jahre lief auf „Formel 1“, dem ersten deutschen Videosender, „Kids in America„. Im Hintergrund waren großformatige Pieces und Charakter von SEEN zu sehen, „dem Godfather“ wie Siko sagt. „Da habe ich gestanden und gesagt woah. Es gab noch keine Spraycan-Art oder Subway Art, keine Magazine. Es gab noch niemanden, der sich damit auseinandergesetzt hat. Ich hatte noch nicht mal das Wort ‚Graffiti‘“, erzählt er.

Trotzdem war danach nichts mehr wie vorher. Von dem Phänomen begeistert, fing Siko selbst an zu sprühen. „Da sind wir nachts los und haben eine wirklich häßliche Betonmauer besprüht. Plötzlich kam der Hausbesitzer raus und meinte nur, ob wir da irgendwelche Parolen sprühen würden. Als er gesehen hat, das wir ein Bild mit einem Schriftzug machen, meinte er nur, das wäre ja geil und wir sollten mal weitermachen. Da gab es aber auch noch keine Tags, kaum Graffiti. Die Köpfe waren noch nicht voll mit Vorurteilen“, erinnert sich der gebürtige Hamburger. Heute sieht das anders aus. „Ein Mensch mit einer Sprühdose ist schon ein negativer Reiz“, sagt Siko. Gerade ältere Leute seien skeptisch, würden bei legalen Aktionen auch Wochen nach Beginn immer wieder die Polizei rufen.

Mittlerweile bezeichnen viele Sprayer ihre Tätigkeit schon gar nicht mehr „Graffti“, sondern als „Street Art“ oder „Urban Art“. „Die machen das, weil sie merken, wenn du dich hinstellst und sagst du machst Graffiti, dann musst du erstmal tausend Vorurteile abbauen“, so Siko. Er selbst findet das Ausweichen auf andere Begriffe ziemlich feige. „Ich habe mein ganzes Leben dafür gekämpft, das Graffiti anerkannt wird. An den Hochschulen gibt es Dozenten für Ölmalerei, Pastellmalerei usw., aber keinen für Graffiti“, sagt er. Deshalb organisiert er Kurse und unterstützt den schulischen Kunstunterricht. Die Fotografie habe ebenfalls 40, 50 Jahre gebraucht, bis sie als Kunstform anerkannt wurde, meint er. So sehe er das auch mit dem Graffiti.

Straßenkunst mal anders

Von dem Aufbau der Sprühdose bis zum korrekten Bildaufbau, lernen seine Schüler einen anderen Umgang mit der Straßenkunst kennen. Dabei verändert sich ihr Blick auf illegale Arbeiten im öffentlichem Raum. „Nach ein paar Stunden sagen die Kids schon, dass viele Graffitis, die sie draußen sehen, nicht gut gemacht sind“, erzählt er. Sie wissen aus seinem Unterricht, was man beim Bildaufbau alles beachten muss. Von der Tiefenwirkung bis zum Fading, dem fließenden Übergang zwischen zwei Farben innerhalb des Bildes.

Die Technik, die er seinen Schülern beibringt, ist illegal nicht umzusetzen. Das Gesamtkunstwerk der Schüler ist auf die Arbeit mit Papier ausgerichtet und kommt nur langsam zustande. Kritik an seinem Kursangebot gibt es dennoch. „Ich bin gegen illegales Graffiti und bekehre niemanden zum sprühen“, sagt er. Wer den Nervenkitzel suche, gehe sowieso an die Wand. Die würde er nicht auf Ideen bringen.

(c) Anna Moldenhauer

Auch die Tiefenwirkung ist im Kurs ein Thema

Selbst ist er früh aus der Szene ausgestiegen, etwa 1992, als diese immer gewalttätiger wurde. „Alles war Gangster, Hardcore, Leute abziehen, den ganzen Blödsinn. Da hatte ich keinen Bock drauf“, so Siko. Und mittlerweile wäre er auch zu alt. „Ich häng da nicht mehr rum und freu mich über das neueste Snoop Dog Video“, lacht er. Darüber hinaus sei die Szene unglaublich schnelllebig und kommerziell geworden. Mit allem könne man plötzlich Geld verdienen, Magazine, Bücher, Spraydosen. Das hätte schon lange nichts mehr mit der amerikanischen Hip-Hop Bewegung zu tun, aus der das heutige Graffiti entstanden ist.

Um möglichst viele Leute mit den Werken der Schüler überraschen zu können, wählt der Dozent Orte aus, die öffentlich zugänglich sind. Bis zur Abschlussausstellung gibt es noch einiges zu tun. Am Ende des Kurses sollen die Werke der Schüler all das beinhalten, was Siko ihnen in einem Jahr beigebracht hat. „Nach den Landschaften machen wir noch Buchstaben, da haben wir schon die Styles entworfen, aber nicht gesprüht“, sagt er. Nach einem halben Jahr Unterricht merke man aber schon deutlich den Fortschritt in den Arbeiten.

Für heute ist die Graffitistunde vorbei, jetzt heißt es aufräumen. Nicht die Lieblingsbeschäftigung der Schüler. „Siko können wir die Masken mal aufsetzen, durch die Gasse gehen und einen auf Ghetto machen?“, fragt Konny stattdessen. „Nein“, grinst Siko und drückt ihm eine Schablone in die Hand: „Klebeband abziehen, Sprühdosen in den Kasten, Bilder vom Tisch“. Kaum ist alles zusammengepackt, sind die ersten Kids schon auf den Nachhauseweg. „Jeder Kurs ist anders“, sagt Siko. „Und Graffitidozent ist meine Berufung“.

Tipp: René „Siko“ Ortner arbeitet zudem mit Behindertengruppen zusammen. Im „NAHBEI“, dem Nachbarschaftscafe von Quartier|Wohnen in Bremen, sind regelmäßig Arbeiten der Kursteilnehmer zu sehen.

Text und Fotos von Anna Moldenhauer

Hinweis der Redaktion: Siko und seine Schüler habe ich im Jahr 2012 besucht, der Artikel ist also schon etwas älter. Da ich seine Arbeit aber absolut unterstützenswert finde, möchte ich euch diesen Text nicht vorenthalten.

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