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Es war einmal die Urban Art

Wildstyle, Hamburg-St. Pauli (c) Anna Moldenhauer

Die Wände einer Stadt sind ihr Spiegel. Sie dienen seit jeher zur Kommunikation, Provokation und Sichtbarmachung der eigenen Existenz. Die meisten Zeichen sind für die breite Öffentlichkeit verständlich, ohne die jeweilige Sprache beherrschen zu müssen.

Sollte in Krisenzeiten die Botschaft nur einem ausgewählten Teil der Bevölkerung zugänglich sein, verwendete man Geheimzeichen. Zum Beispiel die Zeichnung eines Fisches, als Symbol für die christliche Gesinnung. Auch das heutige Graffiti nutzt eine Verschlüsselungsform, den Wildstyle. Darin sind die Buchstaben des Pieces so verwoben, dass nur Eingeweihte wissen, wer oder was gemeint ist.

Das Wort Graffiti ist der Plural des italienischen „Graffito“ und bezeichnet eine in Stein geritzte Inschrift. Im griechischen bedeutet „graphein“ zudem „schreiben“. Als einer der ersten Tagger gilt der Alpinist und Hofkammerbeamte Josef Kyselak. Im Wien des 19. Jahrhunderts wurde er durch die Angewohnheit bekannt, während seiner donauweiten Wanderungen auf Mauern und Felsblöcken gut sichtbar den eigenen Namen zu hinterlassen. Die Graffiti-Subkultur, wie wir sie heute kennen, geht hingegen zurück auf eine US-amerikanische Jugendbewegung, die in den Sechziger Jahren begann: dem Hip Hop. 1971 veröffentlichte die New York Times einen Bericht über das Taggen und den lokalen Writer „Taki183“. Damit trat die amerikanische Tageszeitung eine Welle von Nachahmern los. Schnell ging es den Taggern nicht mehr nur um die Markierung von Bandenterritorien, sondern um den Wettbewerb und die Verankerung der eigenen Identität in der Szene.

Tag im Ihme Zentrum, Hannover (c) Anna Moldenhauer

Style aus New York

Aus den Tags, die zu Beginn meist aus dem Nickname und einer Straßennummer bestanden, entwickelte sich durch die Umrandung mit Farbe das Piece. Europa wurde von der New Yorker Graffiti-Bewegung Anfang der Achtziger Jahre erfasst, als der Kinofilm „Wild Style„, der Breakdance-Film „Beat Street“ und die Dokumentation „Style Wars!“ auf den Markt kamen. 1984 erschien dazu das Buch „Subway Art„. Diese ersten Medien, die sich ausführlich mit Graffiti befassten, waren für viele Artists der Old School eine erste Inspirationsquelle für ihre Arbeiten.

Aus der New Yorker Graffiti-Bewegung bildete sich parallel die Street Art. Durch die Stencil-Kunst des Franzosen Xavier Prou, alias „Blek the Rat„, wurde das Sprühen mit Schablonen populär. Die britische Urban Art-Legende „Banksy“ ist für seine politischen Stencils berühmt. Die Schablonentechnik an sich ist ebenfalls keine neue Anwendung. Beispielsweise benutzten die ersten Menschen ihre Hände als Schablonen, um bei der Höhlenbemalung ein Negativ des Abdruckes zu erhalten. Soldaten beschrifteten mit Schablonen im zweiten Weltkrieg ihre Ausrüstung, um deren Inhalt oder Zugehörigkeit einheitlich zu kennzeichnen.

Stencil, Hamburg-St. Pauli (c) Anna Moldenhauer

Nachdem die Stencil Art zur Straßenkunst wurde, folgte schnell eine lebendige Bandbreite an Formen wie Paste ups, Skulpturen oder Kacheln. In den letzten zehn Jahren haben sich dazu aus der Street Art Trends, wie das Urban Knitting, geformt. Die Verbindung zwischen diesen Kunstformen ist das Streben nach dem „Getting up“: Durch das Wiederholen von Zeichen und Symbolen soll der eigene Bekanntheitsgrad, oder der einer Gruppe, sprunghaft erhöht werden.

 

 

 

 

Neugierig geworden? Noch mehr Infos zum Nachlesen findet ihr z.B. hier:

An der Wand. Graffiti – Zwischen Anarchie und Galerie, Johannes Stahl, dumont, 1989

Graffiti Art Deutschland-Germany, Oliver Schwarzkopf, Schwarzkopf & Schwarzkopf, 1994

Street Art, Johannes Stahl, Tandem Verlag GmbH, 2009

Street-Art – Eine Subkultur zwischen Kunst und Kommerz, Julia Reinecke, transcript Verlag, 2007

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