Luftma(s)chen gegen die triste Stadtumgebung: Strick-Graffiti-Künstlerin Mansha Friedrich über gebombte Kunst und den Reiz von Nicht-Guerilla-Aktionen.
Street-Art-Ikone Mansha (c) Lisa Schmidt
Das Café ist rappelvoll, die Bedienungen rennen, die Gäste quetschen sich um den rustikalen Holztisch, als die stadtbekannte Street-Art-Künstlerin strahlend durch die Tür saust. „Ich war noch schnell Sushi essen!“ Roh aber gesund. Ganz im Gegenteil zu Manshas Kunst. Strick-Graffiti ist flauschig, gilt aber laut § 303 des StGb als Sachbeschädigung. Mansha nickt heftig: „Schließlich benutzt du fremdes Eigentum. Aber wenn der Eigentümer es schön findet, ist es keine Sachbeschädigung mehr.“ „Ist dein Hobby schöpferisch oder zerstörerisch?“ „Strick-Graffiti ist nicht zerstörerisch, die Substanz wird nicht angegriffen und deshalb kann man auch nicht von Vandalismus sprechen. Es stresst höchstens mancher Leute Gechmacksempfinden.“
Doch die meisten Hannoveraner mögen die aus Berlin stammende Künstlerin. Im Winter 2010 rief sie die Stadtbewohner zum Stricken auf. Sie sammelte die Maschen und spannte sie um eines von Hannovers Wahrzeichen: die Uhr am Kröpke-Platz. Die wollige Verpackung ist Deutschlands größtes Strick-Graffiti. Hannover ist stolz. Und besänftigt, denn die Stadt wurde vorher brav um Erlaubnis gebeten. Nicht unbedingt typisch für diese Szene. „Ich habe mich bewusst für die offiziellen, großen, feschen Projekte entschieden“, erklärt Mansha. „Ich will Kunst machen, die wahrgenommen wird.“
“Ich mach’s einfach!“
Aber das legt ihr auch Steine in den Weg. Als sie einen Baum mit 850 Pompons behängen wollte, um die trübe Winterstimmung aufzuheitern, erlegte ihr die Stadtverwaltung Genehmigungsgebühren auf. „Das ist doch wohl unglaublich bei einem Non-Profit-Kunstobjekt“, holt sie der Ärger wieder ein, „es ging mir um das Symbolische! Ich, die eine so junge Street-Art nach Hannover bringt und die Stadt damit kulturell aufwertet, soll auch noch zahlen?“ Und nicht nur das: Die Haftungsauflagen besagten, dass Mansha über die ganze „Ausstellungszeit“ für Sachbeschädigungen von Fremden haften sollte. „Da habe ich mich erst recht gewehrt!“ Sie schaltete das Kulturamt ein. Und das half. „Die ganz großen Aktionen gehen nur legal – und jetzt kennt die Polizei die Handschrift meiner Kunst. Wenn ich ein Graffiti auf meinem Kiez mache, weiß jeder wer es war. Das Happy-New-Year-Graffiti vor dem alten Polizeirevier riet mir ein Journalist abzuklären. Ich sagte: ‚Nö, ich mach’s einfach!‘ Aber er hatte recht. Sonst kriege ich nie wieder eine große Aktion durch.“
“Ich bin null Guerilla.“
Happy New: Mansha vorm Polizeirevier (c) Lisa Schmidt
Mansha trinkt stirnrunzelnd von ihrem Ingwertee, die Bettelei bei den Behörden scheint ihr quer im Magen zu liegen. Es ist die typische Zanke der jungen Straßen-Künstler. Richard Reynolds, Verfasser des Guerilla-Gardening-Manifests, bemüht immer wieder den Kriegsvergleich: In beiden Fällen würde mit fremden Kräften gerungen. „Ich führe keinen Kampf“, weist Mansha diese Bezeichnung von sich, „ich bin null Guerilla. Ich habe nicht vor, hier mega illegal abzugehen, sondern ich mache coole Street-Art-Aktionen, die so aufwendig sind, dass ich sie offiziell machen muss.“ „Aber du führst einen Kampf gegen das Konservative.“ „Auch nicht. Ich habe die Mission, den Leuten zu sagen: Nehmt euch den öffentlichen Raum! Gestaltet ihn mit! Es ist so viel Platz da draußen: Wände und Bänke nehmen wir alle als von der Stadt gegeben hin. Meine Kunst möchte ausdrücken: ‚Schau mal her, du kannst das auch!‘ Wir haben doch ein Mitspracherecht! Und ich habe das geschafft: Ich habe ein Wahrzeichen von Hannover verkleidet. Also kämpfe ich nicht gegen das Konservative, sondern zeige ihm die Möglichkeiten.“
“Hannover hat Strick-Graffiti verdient!”
Manshas Peace-Tag vor dem Polizeirevier
Mansha beweist viel Feingefühl für ihre Stadt: „Ich kriege die Hannoveraner nicht, indem ich schwarze Wolle nehme und Monster auf den Opernplatz spanne. Wenn ich die Leute für Street-Art mobilisieren will, dann muss sie spektakulär-groß sein, ansehbar und verzaubernd.“ Vielleicht kann Hannover auch keinen Krieg ertragen. Wären Monster zu viel für Hannover? „Ich finde, Strick-Graffiti ist schon fast zu viel für Hannover. Diese Stadt ist kulturell unbewandert. Hannover ist gemütlich, satt und sehr zufrieden mit sich. Meine Kunst entsteht aus der Unzufriedenheit genau damit – ich will Farbe in die Stadt bringen. Hannover hat Strick-Graffiti verdient!“ Mansha redet immer schneller, immer lauter, einige Gäste haben ihr Gespräch eingestellt und lauschen ihrem Ausbruch. „Die Kultur Hannovers hat keine Zukunft! Hier haben die Vorsitzenden Angst, dass Strick-Graffiti nicht jedem gefallen könnte.“
Dabei freuen sich auch die älteren Anwohner über Manshas Pompon-Baum. „Wenn ich etwas anbringe, sind alle immer total sweet und finden es schön. Aber im Netz habe ich ganz neue Denkanstöße bekommen. Besonders ältere Frauen warfen mir vor, wir hätten mit der Wolle lieber Frühchen-Mützen stricken oder bulgarische Waisenkinder behäkeln sollen. Diese Fraktion fand uns richtig doof. Das Interessante daran: Wolle wird als Kunst nicht ernst genommen. Wäre da ein Künstler gewesen, der eine Holzkonstruktion gebaut hätte, hätte niemand geschrien, er hätte damit ein Waisenhaus beheizen sollen.“ „Bestärkt dich das weiterzumachen?“ „Ja, auf jeden Fall.“
“Diebstahl ist okay.“
Mansha bringt die negative Kritik nicht aus der Ruhe. Fast immer wird ihre Kunst „gebombt“, also mit fremdem Strickwerk „überplakatiert“ oder gar abgetragen. „Wenn man sich entschließt Street-Art zu machen, darf man nicht rumheulen, wenn sie gebombt wird.“ „Ist Diebstahl okay?“ „Ja, natürlich. Ich selber würde kein Grafitti klauen, weil ich Respekt vor den Künstlern habe – aber jeder ist anders. Entweder die Leute finden es scheiße und machen’s ab – oder sie finden es cool und machen es ab.“
Als Künstlerin ruht Mansha mittlerweile in sich. Sie ging als Pionierin in die deutsche Graffiti-Szene, als Pionierin in die Rap-Musik. Irgendwann zog sie sich aus der Szene zurück, fing an, ihr Geld als Drehbuchautorin zu verdienen. Doch die Street-Art fehlte ihr. Inspiriert von der britischen Koryphäe Banksy drückt Mansha sich heute auf anderem Weg als mit der Spray-Dose aus. Und wie immer hält Mansha es auch beim Handwerk mit der Kunst: „Ich stricke, aber nicht gut, ich häkele, aber nicht gut. Doch es macht Spaß.“ Und so bringt sie ihre Werke vor die Haustür – oder an die Haustür. Sie drückt der Stadt ihren Stempel auf. „Eifern dir viele Menschen nach?“ „Nein, gar nicht! Und das kostet Kraft. Magda Sayeg, die Erfinderin des Strick-Graffiti, hat eine riesige Unterstützer-Community. Hat sie eine Idee, helfen ihr die Frauen. In Kanada, Amerika und in Australien ist die Szene viel vernetzter. Dort sind sie nicht konkurrenzmäßig unterwegs, sondern wollen gemeinsam etwas bewirken. Für mich war es eine riesige Kraftanstrengung, die Leute für den Pompon-Baum zusammenzukriegen. Die Resonanz auf meine Facebook-Anfrage war zwar groß, aber hingesetzt hat sich kaum jemand. Zeit will keiner opfern.“
Neue Träume
Und Geld noch weniger: Zur Zeit sucht Mansha Sponsoren. „Ich plane eine Arche, ein Boot mit gestrickten Dingen, die wir aus unserer Jetzt-Zeit retten würden. Da diese Arche von Stadt zu Stadt fahren soll, muss sie ein kommerzielles Ding werden – in Deutschland muss man ordentlich Maut zahlen für die Hoheitsgewässer!“ Deswegen bewarb sie sich bei Thomas Gottschalks Ideen-Wettbewerb “66 Träume” (siehe Video). Außerdem möchte sie das Projekt gut koordinieren: „Bevor mir zehn Leute eine Katze stricken, mache ich das lieber selber.“
Denn als Künstlerin hat Mansha vom ersten Gedanken an eine Vision des fertigen Werkes vor ihrem inneren Auge. Kürzlich rief sie den Bürgermeister von Venedig an und erzählte ihm von ihrer Vision einer mit Blumenranken umstrickten Brücke. Nebenbei plant sie ihre erste eigene Ausstellung.
Ihr Traumprojekt führt sie jedoch zurück in ihre Heimat: „Ich möchte die Friedensgöttin samt Kutsche und Pferden auf dem Brandenburger Tor einstricken.“ In Schwarz-Rot-Gold? „Bist du irre? Die Farben der Deutschlandflagge sind so hässlich! Aber im Moment ist dieses Projekt eh noch utopisch.“ Mansha donnert ihr leeres Glas auf den Tisch: „Aber den nötigen Respekt werde ich mir schon noch verdienen!“


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