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Tape Art: Interview mit David Gnad

Nicht nur Wolle, sondern auch das gute, alte Klebeband erhält in der Street Art eine neue Anwendung. Zu den Tape Artists aus Deutschland zählt neben C100 oder El Bocho auch David Gnad. Der selbstständige Grafik-Designer lebt und arbeitet in Berlin.

Interview

David Gnad bei der Arbeit, alle Fotos (c) David Gnad

Wann bist du das erste Mal auf  Tape Art aufmerksam geworden?
Das erste Mal bin ich Mitte 2009 darauf aufmerksam geworden. Ich habe für einen Laden gearbeitet, der nur Klebebänder verkauft. Ich hab da alles gemacht, was mit Design zu tun hat. Dieser kleine Laden im Wedding hat dann den Tape Art Weltrekord auf die Beine gestellt. Ich hab das Ganze gefilmt, das war das erste Mal, dass ich damit richtig in Kontakt gekommen bin.

Was fasziniert dich daran?
Das einzige, was mich daran fasziniert, ist, wie leicht man Leute damit beeindrucken kann. Zwei, drei Streifen hier geklebt, ein buntes Klebeband da, ein aluminisiertes da und noch ein fluoreszierendes Klebeband dazu und die Leute sind beeindruckt, als ob man gerade das Rad neu erfunden hat. Dabei kann das jeder machen. Niemand weiß, wie Tape Art aussehen muss oder soll. Niemand erwartet ein perfektes Bild, weil niemand sich jemals hätte vorstellen können, dass Menschen Kunst aus Klebeband schaffen. Alles was dabei herauskommt, ist überraschend.

Gibt es für dich auch Nachteile?
Es gibt keine Nachteile, nur Dinge oder Gegebenheiten, mit denen man sich arrangieren muss. Dazu gehört sicherlich die Einschränkung, keine Kurven kleben zu können. Es sei denn, man hat ein ganz dünnes Fineline-Tape zur Hand. Aber das ist dann auch keine einfache Angelegenheit. Manchmal kleben die Bänder am Finger fest, oder ein Streifen, den man gerade aufkleben will, klebt mit der Klebefläche zusammen. Aber dafür tropft und kleckert es nicht wie Tusche, man muss danach keine Pinsel reinigen, man hat keine Kohle an den Fingern, man macht sich nicht seine Klamotten dreckig. Mit Künstlern assoziiert man oft dreckige Klamotten, ist das dann ein Nachteil?

Wie lange arbeitest du circa an einem Tape-Piece?
Ganz unterschiedlich. Es kommt auf die Größe an und wie detailreich das Bild werden soll. Es kann in 20 Minuten fertig sein oder mehrere Tage in Anspruch nehmen. Der Tape Art Weltrekord hat 14 Tage in Anspruch genommen. 1.100 Quadratmeter Tape.

Schimpanse aus Tape

Ist die Art des Klebebandes wichtig?
Sehr wichtig. Die Art des Klebebandes entscheidet darüber, wie lange das Bild hält. Das ist aber auch immer in Zusammenhang mit dem Untergrund zu sehen. Gafferband auf Plexiglas hält sehr gut, noch besser funktioniert nur PP-Tape (Polypropylen), dagegen wird Krepp nicht so lange halten und Kreppband klebt nicht gut auf Gaffertape. Gaffertape über Krepp funktioniert gut, PP-Band über Krepp wiederum hält gar nicht. Auf Backstein hält eigentlich nur Gaffertape, beim bekleben von Glasscheiben sollte man möglichst kein Gafferband verwenden, da es sehr hartnäckige Rückstände hinterlässt.

PP-Band ist bei Glas mit Vorsicht zu genießen, da es Rückstände hinterlassen kann. Am besten eignet sich Kreppband für Glas. Vorsicht ist bei Hitze und starker Sonneneinstrahlung geboten, da schmilzt bei der Verwendung von Gaffertape der Kautschukkleber komplett weg und hinterlässt einen schmierigen Film. Andere Bänder verlieren sehr schnell ihre Farbe unter Sonnenlichtbestrahlung. Es gibt so viele Gründe, weshalb die richtige Art Klebeband wichtig ist.

Du bist selbstständiger Grafik-Designer, klebst deine Werke nur gegen Auftrag. Ist Tape Art für dich lukrativ?
Ja, ist es.

Du gibst auch Workshops in Tape Art. Kommen die Leute zu dir oder gehst du in Jugend-Einrichtungen um zu coachen?
Die Leute melden sich bei mir, ich höre mir an, was sie sich vorstellen, bzw. haben wollen und mache Ihnen ein Konzept.

Was kostest ein Workshop?
Unterschiedlich, das kommt auf die Einrichtung drauf an. Eine Schule wird für einen zweitägigen Tape Art-Workshop nicht 1.500 Euro bezahlen, ein DAX-Unternehmen schon.

Ist es schwer, Unternehmen für Tape Art zu begeistern?
Nein, die Leute stehen Tape Art sehr offen gegenüber und sehen sie als eine neue, faszinierende Art der künstlerischen Ausdrucksweise. Es ist ja auch wirklich nicht schwer. Nach einer kleinen Einführung kann jeder ein ansprechendes Ergebnis erzielen und nimmt aus dem Tag/ den Tagen etwas mit. Das kann heutzutage nicht jeder bieten.

Welches Projekt war für dich bisher am interessantesten?
Ich habe für ein Sushi-Restaurant die Geschichte der Schöpfung geklebt. Da hab ich vielleicht ein wenig Blasphemie betrieben, aber am Ende denke ich hat es doch allen gefallen.

Orientierst du dich an Artists, die in erster Linie in den Straßen kleben?
Nein, gar nicht. Ich versuche immer mein eigenes Ding zu machen, selbst etwas auf die Beine zu stellen. Das ist mir gelungen.

Tape Art-Aktion „I’m a black sheep“ für Akzeptant und Toleranz, F.A.R.M. (Free Arts Regional Movement) und Klebeland, Gollingen

Würdest du sagen, Street Art wird harmloser?
Das kann man nicht pauschal sagen. Was ist harmlos? Ein Beispiel: Was ist besser? Eine gesprühte Friedenstaube auf einem frisch gestrichenem Haus oder ein Hakenkreuz, mit Kreppklebeband auf eine Glasscheibe geklebt? Die Friedenstaube verursacht den höheren finanziellen Schaden, das Klebeband den größeren Schaden in den Seelen. Aus Betracht des Vandalismus ist das Hakenkreuz harmloser, aber ist es das wirklich? Ich kann es nicht sagen.

Kunst kann so viel kaputt machen aber auch so viel heilen, manchmal ist es dafür nötig zu zerstören. Die Botschaft mittels eines Klebebandes ist ganz harmlos wieder zu entfernen, aber schlägt vielleicht politische oder gesellschaftliche Wellen, die ganz und gar nicht harmlos sind.

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