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Urban Sculptures: Watch your step

London (c) Mark Jenkins, Gestalten Space

Ein Mädchen liegt bäuchlings auf einer Werbetafel, hoch oben über der Straße. Sie trägt ein pinkes Shirt, Blue Jeans, an den Füßen Turnschuhe. Die Arme sind unter dem Kopf verschränkt, ihr Gesicht ist unter den langen Haaren nicht zu erkennen. Kalt wird ihr dort oben nicht. Es stört sie auch nicht, wenn es regnet. Sie ist ein Tape Girl, erschaffen von Mark Jenkins. Für seine lebensechten Plastikmenschen braucht der amerikanische Künstler nur Frischhaltefolie, durchsichtiges Paketklebeband, ein Cutter-Messer und etwas was er verpacken kann. Zum Beispiel Babypuppen, seine Freundin, oder sich selbst. Den fertigen Abdruck des Körpers stopft er mit Zeitungspapier aus und zieht ihm eine Perücke und Kleidung über. Hin und wieder bekommt die Figur auch einen Pferdekopf verpasst.

Sobald er seine Skulpturen im öffentlichen Raum platziert hat, beginnt das soziale Experiment. Wie reagieren die Passanten auf zwei Beine, die aus einem Mülleimer schauen? Auf einen Körper, der sich nicht bewegt? Wer seine federleichten Protagonisten zum ersten Mal sieht, ist vor allem eines: verwirrt. Vorbeilaufende Menschen bleiben stehen, mustern die Skulptur skeptisch. Vielleicht ein Obdachloser? Oder ein Verrückter? Einige mutige treten näher. Stubsen den robusten Darsteller in die Seite, kicken gegen seine Füße aus Kunststoff. Aus dem Zusammenspiel zwischen der öffentlichen Umgebung, den Betrachtern und der Skulptur selbst ensteht eine Performance. Die Straße wird zur Bühne. Jenkins provokante Werke leben von dieser Interaktion mit der Umwelt, sie kommunizieren allein durch ihre Präsenz. Auch wenn es manchmal dazu führt, dass jemand aufgeregt den Notruf wählt, weil eine der Puppen regungslos im Kanal treibt oder von einer Dachkante die Beine baumeln lässt.

Glazed Paradise

Nach erfolgreichen Gruppenausstellungen in unter anderem Wien und Moskau, konnten Jenkins Figuren Anfang 2012 in Berlin begutachtet werden. „Glazed Paradise“ war seiner erste Einzelausstellung und fand im Gestalten Space, der Galerie des „Die Gestalten Verlag“ statt. Dort wurde auch seine erste Monografie „The Urban Theater“ vorgestellt. Seit 2003 installiert der Künstler seine außergewöhnlichen Skulpturen in den Ländern die er bereist, unter anderem in den USA, Europa, Asien und dem Mittleren Osten. Dazu gibt er Workshops im Erstellen von Plastikdoubles.

Geschrumpfte Welten

Mark Jenkins Skulpturen werden oft auf den ersten Blick entdeckt – bei Slinkachus Werken muss man hingegen schon sehr genau hinschauen. Der britische Strassenkünstler modelliert seit 2006 winzige Modelleisenbahnfiguren, die er bemalt und anschließend in der Stadt platziert. Anhand der dargestellten Momentaufnahmen entsteht eine Welt in der Welt: Seine Darsteller schießen auf Hummeln, paddeln in Milchseen oder skaten in Orangenschalen. Das seine kleinen Figuren in den meisten Fällen durch die Unachtsamkeit der Fußgänger ein schnelles Ende finden, ist Teil des Projekts. Anhand von Makrofotografien seiner Arbeiten führt Slinkachu dem Betrachter die Anoymität und Schnelllebigkeit in der Welt „der Riesen“ vor Augen. Wird die Szene in Originalgröße fotografiert, sind die Figuren kaum mehr zu erkennen. Durch diese Gegenüberstellung wird auch die Unbedeutsamkeit des Einzelnen in der Größe unserer Welt deutlich.

Nach seinem ersten Projekt „Kleine Leute in der großen Stadt„, das als Fotoband erschien, bemalte Slinkachu Schneckenhäuser von Weinbergschnecken mit Graffiti. Die „Inner City Snail“ setzte er als Kritik gegen die Tendenz des Menschen ein, auf jeder noch so kleine freie Fläche eigene Spuren hinterlassen zu wollen.

„Follow the leaders“, Barcelona (c) Isaac Cordal

Während Slinkachus Werke immer mit einer guten Portion schwarzem Humor unterstrichen werden, überwiegt bei Isaac Cordals Zementfiguren eine düstere, melancholische Stimmung. Kleinen Anzugträgern steht das schmutzige Pfützenwasser bis zum Hals. Eine schmale Zementleiche liegt auf der Straße, unter ihrem Kopf rinnt rote Farbe hervor. Die Skulpturen des spanischen Künstlers verstecken sich in der Stadt, entziehen sich der Verantwortung gegenüber ihrer Umwelt.

Laut einem Interview mit dem Room Magazin ist „Cement Eclipses“ eine Kritik an unserem Verhalten als soziale Masse. „Ich glaube das jede kleine Aktion zu einer Veränderung beitragen kann. Viele kleine Veränderungen bringen soziales Verhalten zurück und manipulieren die globale Trägheit, drehen sie in etwas mehr positives“, so Cordal.

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